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Darmflora und Präeklampsie: Was sich schon vor den ersten Symptomen verändert

Darmflora und Präeklampsie: Was sich schon vor den ersten Symptomen verändert

Präeklampsie gehört zu den wichtigsten Schwangerschaftskomplikationen. Sie tritt typischerweise nach der 20. Schwangerschaftswoche auf und ist durch erhöhten Blutdruck gekennzeichnet, der mit weiteren Organveränderungen einhergehen kann. Welche Prozesse dazu führen, dass sich die Erkrankung entwickelt, ist noch nicht vollständig geklärt.

Eine aktuelle Studie lenkt den Blick nun auf einen Bereich, der bislang weniger im Mittelpunkt stand: die Darmmikrobiota. Forscher fanden Hinweise darauf, dass sich die Zusammensetzung der Darmbakterien bereits verändern kann, bevor eine Präeklampsie klinisch erkennbar wird.

Darmbakterien könnten mit dem Blutdruck zusammenhängen

Das Mikrobiom des Darms besteht aus einer großen Zahl verschiedener Bakterienarten und anderer Mikroorganismen. Sie stehen nicht isoliert mit dem Verdauungssystem in Verbindung, sondern können über Stoffwechselprodukte auch andere Vorgänge im Körper beeinflussen. Dazu gehört möglicherweise die Regulation des Blutdrucks. Bestimmte Darmbakterien produzieren beispielsweise kurzkettige Fettsäuren, die über verschiedene Signalwege auf Blutgefäße und andere Organe einwirken können.

Darmflora und Präeklampsie: Was sich schon vor den ersten Symptomen verändert 1

Frühere Untersuchungen hatten bereits Zusammenhänge zwischen der Zusammensetzung der Darmmikrobiota und dem Blutdruck beschrieben. Die neue Studie ging nun einen Schritt weiter: Die Forscher wollten wissen, ob sich Unterschiede im Darmmikrobiom bereits vor dem Auftreten einer Präeklampsie feststellen lassen.

Forscher untersuchten den Darm noch vor der Diagnose

Für die Untersuchung wurden Stuhlproben von Schwangeren aus einer bestehenden Schwangerschaftsstudie analysiert. Die Proben wurden in der 28. Schwangerschaftswoche genommen – also zu einem Zeitpunkt, an dem die Frauen noch keine diagnostizierte Präeklampsie hatten.

Insgesamt verglichen die Forscher 10 Frauen, die später eine spät einsetzende Präeklampsie entwickelten, mit 24 Frauen, deren Blutdruck während der Schwangerschaft normal blieb. Mithilfe einer umfassenden metagenomischen Analyse untersuchten sie nicht nur, welche Bakterien vorhanden waren, sondern auch, welche Stoffwechsel- und Funktionsmerkmale mit ihnen verbunden waren.  Damit unterscheidet sich die Untersuchung von vielen früheren Arbeiten, bei denen die Darmflora erst nach dem Auftreten einer Präeklampsie untersucht wurde.

Auch frühere Forschungen untersuchten Stuhlproben in der 28. Schwangerschaftswoche und fanden bei Frauen, die später eine spät einsetzende Präeklampsie entwickelten, unter anderem eine geringere Häufigkeit des butyratproduzierenden Bakteriums Coprococcus.

Die Zusammensetzung der Darmflora war anders

Bei den Frauen, die später eine Präeklampsie entwickelten, zeigte sich eine andere Zusammensetzung der Darmmikrobiota als bei den Frauen mit normalem Schwangerschaftsverlauf. Die Unterschiede betrafen dabei nicht einfach die Anzahl der vorhandenen Bakterien. Bei der sogenannten Alpha-Diversität, die unter anderem die Vielfalt innerhalb einer einzelnen Probe beschreibt, fanden die Forscher keinen signifikanten Unterschied.

Anders sah es bei der sogenannten Beta-Diversität aus. Dabei wird verglichen, wie stark sich die Zusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaften zwischen verschiedenen Personen unterscheidet. Hier zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

Unter anderem wurden Veränderungen bei Bakterien aus den Gattungen Anaerotignum und Clostridium sowie bei Bacteroides fragilis beobachtet. Gleichzeitig waren mehrere Arten aus der Gattung Faecalibacterium bei den Frauen, die später eine Präeklampsie entwickelten, weniger stark vertreten.

Auch bakterielle Stoffwechselwege waren verändert

Interessant war nicht nur die Frage, welche Bakterien vorhanden waren. Die Forscher untersuchten auch, welche biologischen Funktionen mit dem Mikrobiom verbunden waren. Dabei fanden sie unter anderem Unterschiede bei Stoffwechselwegen, die an der Herstellung bestimmter Fettsäuren und Phospholipide beteiligt sind. Auch ein Stoffwechselweg, der mit der Bildung von Propionat verbunden ist, zeigte Unterschiede zwischen den Gruppen.

Das könnte relevant sein, weil Darmbakterien zahlreiche Stoffwechselprodukte herstellen, die mit dem Immunsystem, dem Stoffwechsel und der Gefäßfunktion interagieren können. Allerdings lässt sich aus diesen Ergebnissen noch nicht ableiten, dass eine bestimmte Veränderung der Darmflora eine Präeklampsie verursacht.

Blutdruck und einzelne Bakterien standen miteinander in Verbindung

Die Forscher untersuchten nicht nur, ob sich die Zusammensetzung der Darmmikrobiota zwischen den beiden Gruppen unterschied. Sie prüften auch, ob bestimmte Bakterien mit den gemessenen Blutdruckwerten der Schwangeren zusammenhingen. Dabei zeigten sich statistische Verbindungen sowohl zum systolischen als auch zum diastolischen Blutdruck. Besonders interessant war, dass sich diese Zusammenhänge nicht einfach auf eine einzelne Bakterienart reduzieren ließen. Einige Mikroorganismen waren mit höheren Blutdruckwerten verbunden, während andere eher mit niedrigeren Werten in Zusammenhang standen. Selbst innerhalb derselben Bakteriengattung konnten sich die Ergebnisse teilweise unterscheiden. Das ist biologisch durchaus nachvollziehbar. Bakterien, die zur gleichen Gattung gehören, können sich auf Ebene ihrer Stoffwechselaktivität erheblich unterscheiden. Sie können unterschiedliche Substanzen produzieren oder auf unterschiedliche Bestandteile der Nahrung reagieren. Deshalb lässt sich aus dem Namen einer Bakteriengattung allein nicht ableiten, welche Wirkung sie auf den menschlichen Körper hat.

Darmflora und Präeklampsie: Was sich schon vor den ersten Symptomen verändert 2

Eine mögliche Verbindung zum Blutdruck könnten die Stoffwechselprodukte der Darmbakterien darstellen. Mikroorganismen im Darm bauen unter anderem unverdauliche Bestandteile der Nahrung ab und produzieren dabei verschiedene bioaktive Moleküle. Dazu gehören kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat. Diese können über Signalwege mit dem Immunsystem, dem Stoffwechsel und möglicherweise auch mit der Regulation der Blutgefäße kommunizieren. Gerade während der Schwangerschaft ist die Regulation des Blutdrucks besonders komplex. Der Körper muss die Durchblutung der Plazenta und des heranwachsenden Kindes sicherstellen, während sich gleichzeitig das Herz-Kreislauf-System der Mutter an die Schwangerschaft anpasst. Veränderungen in diesem Zusammenspiel können bei manchen Frauen zu Bluthochdruck oder später zu einer Präeklampsie beitragen.

Die Studie liefert allerdings keinen Beweis dafür, dass bestimmte Darmbakterien den Blutdruck bei Schwangeren direkt erhöhen oder senken. Es handelt sich um statistische Zusammenhänge. Ob die Veränderungen des Mikrobioms den Blutdruck beeinflussen, ob ein veränderter Blutdruck wiederum die Darmflora verändert oder ob beide durch einen weiteren Faktor beeinflusst werden, lässt sich mit diesen Daten nicht beantworten. Auch deshalb wäre es zu früh, einzelne Bakterien als „schützend“ oder „schädlich“ zu bezeichnen. Wahrscheinlich kommt es vielmehr auf das Zusammenspiel einer großen Zahl von Mikroorganismen und deren Stoffwechselprodukten an. Die Ergebnisse sind dennoch interessant, weil sie eine mögliche Verbindung zwischen Darmmikrobiom, Stoffwechsel und Blutdruckregulation bereits vor dem Auftreten einer Präeklampsie sichtbar machen. Größere Studien müssen nun zeigen, ob sich daraus ein reproduzierbares Muster entwickeln lässt, das sich künftig möglicherweise zur besseren Einschätzung des individuellen Risikos nutzen lässt.

Ist die Darmflora ein Frühwarnsystem für Präeklampsie?

Genau hier setzen die Forscher eine wichtige Grenze. Obwohl die Unterschiede bereits vor dem Auftreten der Erkrankung nachweisbar waren, konnte die Studie kein eindeutiges mikrobielles Muster identifizieren, mit dem sich zuverlässig vorhersagen lässt, welche Frau später eine Präeklampsie entwickeln wird. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass eine entsprechende Risikosignatur noch nicht gefunden wurde.

Das ist auch deshalb wichtig, weil die Untersuchung sehr klein war. Nur zehn Frauen entwickelten im weiteren Verlauf eine spät einsetzende Präeklampsie. Größere Studien müssen daher überprüfen, ob die beobachteten Unterschiede auch in anderen Bevölkerungsgruppen auftreten. Interessant ist, dass eine weitere Studie aus dem Jahr 2026 in eine ähnliche Richtung weist. Dabei wurden 75 Frauen, die eine schwangerschaftsbedingte Hypertonie entwickelten, mit 195 Kontrollpersonen verglichen. Die Forscher untersuchten die Darmmikrobiota bereits während der Schwangerschaft und kombinierten die Ergebnisse zusätzlich mit Blutanalysen zu Stoffwechselprodukten.

Darmflora und Präeklampsie: Was sich schon vor den ersten Symptomen verändert 3

Auch dort zeigten sich Veränderungen des Darmmikrobioms bereits vor der klinischen Diagnose. Unter anderem waren bestimmte Bacteroides-Arten häufiger vertreten. Gleichzeitig fanden die Forscher Veränderungen verschiedener Stoffwechselwege und Blutmetaboliten, die möglicherweise mit Entzündungs- und Gefäßprozessen zusammenhängen.  Diese Ergebnisse sind interessant, weil sie die Vorstellung unterstützen, dass Veränderungen des Mikrobioms und des Stoffwechsels zeitlich vor dem Auftreten einer hypertensiven Schwangerschaftskomplikation auftreten können. Auch diese Studie kann allerdings keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung beweisen.

Könnte das Mikrobiom eines Tages für die Vorsorge genutzt werden?

Theoretisch wäre eine solche Entwicklung interessant. Eine Stuhlprobe könnte wesentlich weniger invasiv sein als viele andere medizinische Untersuchungen. Wenn sich irgendwann ein zuverlässiges Muster bestimmter Bakterien oder mikrobieller Stoffwechselprodukte identifizieren ließe, könnte dies möglicherweise zur individuellen Risikoeinschätzung beitragen. Davon ist die Forschung derzeit jedoch noch entfernt. Die aktuelle Untersuchung zeigt zunächst, dass Unterschiede im Darmmikrobiom vor einer späteren Präeklampsie vorhanden sein können. Sie zeigt nicht, dass sich die Erkrankung anhand der Darmflora bereits zuverlässig erkennen lässt.

Auch die Frage, ob sich das Risiko durch eine gezielte Veränderung der Darmflora beeinflussen lässt, ist offen. Ob beispielsweise bestimmte Ernährungsformen, Ballaststoffe, Probiotika oder andere Interventionen das Auftreten einer Präeklampsie tatsächlich verhindern können, muss in entsprechend großen klinischen Studien untersucht werden.

Was Schwangere daraus mitnehmen können

Die neuen Ergebnisse sind kein Grund, während der Schwangerschaft eigenständig Probiotika einzunehmen oder die Ernährung radikal umzustellen, um einer Präeklampsie vorzubeugen. Sie liefern vielmehr einen weiteren Hinweis darauf, dass die Entstehung von Schwangerschaftskomplikationen durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Systeme beeinflusst werden könnte. Dazu gehören unter anderem Gefäße, Stoffwechsel, Immunsystem, Plazenta und möglicherweise auch das Darmmikrobiom.

Für die medizinische Praxis bleibt die regelmäßige Schwangerschaftsvorsorge entscheidend. Die Darmflora ist bislang kein etablierter Test zur Vorhersage einer Präeklampsie. Die Forschung steht hier noch am Anfang. Die spannende Frage für die kommenden Jahre wird sein, ob sich die beobachteten Veränderungen in größeren Studien bestätigen lassen – und ob daraus irgendwann ein zuverlässiger Marker oder sogar eine neue Möglichkeit zur Vorbeugung entstehen könnte.

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