Eine neue Studie unter Leitung von Forschern des UCLA Health Jonsson Comprehensive Cancer Center liefert wichtige Hinweise darauf, dass Brustkrebs, der kurz nach einer Schwangerschaft entsteht, besondere biologische Eigenschaften besitzen könnte. Die Untersuchung zeigt, dass Brustkrebserkrankungen, die innerhalb der ersten drei Jahre nach einer Entbindung diagnostiziert werden – insbesondere im ersten Jahr –, häufiger Merkmale aufweisen, die mit einer aggressiveren Tumorbiologie verbunden sind.
Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift npj Breast Cancer veröffentlicht wurden, unterstützen die zunehmenden Hinweise darauf, dass sogenannter postpartaler Brustkrebs, also Brustkrebs nach einer Geburt, nicht einfach nur eine zufällige Erkrankung in einem bestimmten Lebensabschnitt ist. Vielmehr könnte es sich um eine besondere Phase handeln, in der die biologischen Veränderungen des Brustgewebes die Eigenschaften bestimmter Tumoren beeinflussen. Die Studienautoren betonen jedoch, dass eine aggressivere Tumorbiologie nicht automatisch bedeutet, dass betroffene Frauen schlechtere Behandlungsergebnisse haben. Moderne Therapien können das erhöhte Risiko offenbar teilweise ausgleichen. Die Erkenntnisse könnten aber dabei helfen, Patientinnen mit einem besonders hohen Risiko frühzeitiger zu erkennen und ihre Behandlung gezielter anzupassen.
Eine Schwangerschaft verändert die Brust und ihre biologische Umgebung
Eine Schwangerschaft führt zu tiefgreifenden Veränderungen im Brustgewebe. Während dieser Zeit wächst das Drüsengewebe, Milch bildende Strukturen entwickeln sich und zahlreiche hormonelle Signale steuern den Umbau der Brust. Nach der Geburt beginnt ein erneuter Anpassungsprozess, bei dem sich das Gewebe wieder zurückbildet.
Diese sogenannte Rückbildungsphase ist ein biologisch sehr aktiver Vorgang. Dabei werden nicht mehr benötigte Zellen abgebaut, Gewebestrukturen verändert und Entzündungsprozesse aktiviert. Diese natürlichen Reparatur- und Umbauprozesse sind normalerweise Teil der Rückkehr zum Ausgangszustand. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass diese besondere Umgebung möglicherweise auch das Wachstum bestimmter Tumorzellen beeinflussen kann, falls während dieser Zeit eine Krebserkrankung entsteht.
Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass Brustkrebs, der innerhalb weniger Jahre nach einer Schwangerschaft diagnostiziert wird, häufiger aggressive Eigenschaften aufweist und teilweise mit ungünstigeren Verläufen verbunden ist. Unklar war bislang jedoch, wie lange diese besondere Risikophase nach der Geburt tatsächlich anhält.
Forscher untersuchten den Zeitpunkt der Diagnose nach der Geburt
Um diese Frage genauer zu untersuchen, analysierte das Forschungsteam 385 Frauen im Alter von 45 Jahren oder jünger, die zwischen 2011 und 2024 an der UCLA wegen eines frühen hormonrezeptorpositiven, HER2-negativen Brustkrebses behandelt worden waren.
Die Wissenschaftler teilten die Patientinnen danach ein, wie viel Zeit zwischen ihrer letzten Geburt und der Brustkrebsdiagnose vergangen war. Verglichen wurden Frauen, die nie entbunden hatten, mit Frauen, deren Diagnose innerhalb verschiedener Zeiträume nach einer Schwangerschaft gestellt worden war.
Dabei wollten die Forscher herausfinden, ob sich die biologische Beschaffenheit der Tumoren abhängig vom Zeitpunkt nach der Geburt unterschied.
Genomtest zeigt erhöhtes biologisches Risiko
Für die Untersuchung nutzten die Wissenschaftler den Oncotype-DX-Rezidivtest. Dieser weit verbreitete Genomtest bewertet die Aktivität von 21 verschiedenen Genen innerhalb eines Tumors. Daraus wird ein sogenannter Rezidiv-Score berechnet, der Hinweise darauf gibt, wie wahrscheinlich ein erneutes Auftreten der Erkrankung ist und ob eine Chemotherapie wahrscheinlich einen zusätzlichen Nutzen bringt.
Die Analyse zeigte deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen. Frauen, deren Brustkrebs innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt festgestellt wurde, hatten im Durchschnitt höhere Rezidiv-Scores als Frauen, die nie geboren hatten. Auch im zweiten und dritten Jahr nach der Entbindung waren erhöhte Werte erkennbar, allerdings weniger stark ausgeprägt.
Bei einer zusammengefassten Betrachtung aller Patientinnen mit einer Diagnose innerhalb von drei Jahren nach der Geburt war die Wahrscheinlichkeit, einen Tumor mit höherem Rezidiv-Score zu haben, nahezu dreimal so hoch wie bei Frauen ohne vorherige Geburt. Zusätzlich stellten die Forscher fest, dass diese Tumoren häufiger einen höheren Tumorgrad aufwiesen. Ein höherer Grad bedeutet, dass die Krebszellen stärker von normalen Zellen abweichen und unter dem Mikroskop aggressiver erscheinen. Solche Veränderungen können mit einem schnelleren Wachstum oder einer höheren Wahrscheinlichkeit für ein Wiederauftreten verbunden sein.
Warum genetische Untersuchungen zusätzliche Hinweise liefern können
Ein besonders wichtiger Aspekt der Studie war die Erkenntnis, dass sich die Unterschiede in der Tumorbiologie nicht immer durch die klassischen medizinischen Untersuchungen erkennen ließen. In der täglichen Krebsdiagnostik werden zunächst Faktoren wie die Größe des Tumors, der Befall von Lymphknoten, der Hormonrezeptorstatus oder bestimmte mikroskopische Eigenschaften der Krebszellen bewertet. Diese Merkmale sind entscheidend für die Einschätzung der Erkrankung und die Auswahl der Therapie, können jedoch nicht immer das gesamte biologische Verhalten eines Tumors widerspiegeln.
Die Untersuchung des UCLA-Teams zeigte, dass einige Brusttumoren nach einer kürzlich erfolgten Schwangerschaft genetische Eigenschaften aufweisen können, die mit einem höheren Rückfallrisiko verbunden sind, obwohl die herkömmlichen klinischen Befunde nicht unbedingt auf eine aggressivere Erkrankung hindeuteten. Erst durch die Analyse der Genaktivität konnten diese zusätzlichen Unterschiede sichtbar gemacht werden. Der verwendete Oncotype-DX-Test untersucht dabei nicht nur einzelne Merkmale des Tumors, sondern betrachtet ein ganzes Muster von Genen, die an verschiedenen biologischen Prozessen beteiligt sind. Dazu gehören unter anderem Signale, die das Zellwachstum, die Teilung von Krebszellen und die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Tumorwachstums beeinflussen. Dadurch kann der Test Hinweise darauf liefern, wie aktiv und aggressiv ein Tumor auf molekularer Ebene tatsächlich ist.
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass Krebs nicht ausschließlich anhand seines sichtbaren Erscheinungsbildes beurteilt werden kann. Zwei Tumoren können unter dem Mikroskop ähnlich aussehen und dennoch unterschiedliche genetische Eigenschaften besitzen, die ihr zukünftiges Verhalten beeinflussen. Die sogenannte Präzisionsmedizin nutzt genau diese molekularen Unterschiede, um Therapien besser auf die individuelle Situation einer Patientin abzustimmen. Die Forscher vermuten deshalb, dass bei jüngeren Brustkrebspatientinnen künftig auch die sogenannte Reproduktionsgeschichte stärker in die Bewertung einbezogen werden könnte. Dazu gehört beispielsweise die Information, ob eine Frau kürzlich entbunden hat und wie lange die Geburt zurückliegt. Diese Angaben könnten zusätzliche Hinweise geben, wie ein genetisches Testergebnis interpretiert werden sollte und ob möglicherweise eine intensivere Überwachung oder eine angepasste Behandlung sinnvoll ist.
Dabei geht es nicht darum, dass jede Frau nach einer Schwangerschaft automatisch ein höheres Brustkrebsrisiko hat. Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass der Zeitpunkt einer Brustkrebsdiagnose nach einer Geburt möglicherweise eine wichtige biologische Information darstellt. Wenn diese Zusammenhänge in weiteren Studien bestätigt werden, könnten Ärzte künftig besser erkennen, welche Patientinnen besonders engmaschig begleitet werden sollten und welche Therapieoptionen den größten Nutzen versprechen.
Aggressivere Eigenschaften bedeuten nicht automatisch schlechtere Prognose
Trotz der aggressiveren biologischen Merkmale fanden die Wissenschaftler keinen deutlichen Unterschied bei den kurzfristigen Behandlungsergebnissen. Nach einer Nachbeobachtungszeit von etwa vier Jahren waren die Rückfallraten und Überlebensdaten bei Frauen mit Brustkrebs innerhalb von drei Jahren nach der Geburt vergleichbar mit denen anderer Patientinnen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Frauen mit biologisch risikoreicheren Tumoren häufiger intensivere Behandlungen erhielten. Dazu gehörten unter anderem Chemotherapien, Medikamente zur Unterdrückung der Eierstockfunktion sowie moderne zielgerichtete Therapien. Die Ergebnisse zeigen damit einen wichtigen Unterschied: Ein Tumor kann zwar biologisch aggressivere Eigenschaften besitzen, aber durch eine frühzeitige Diagnose und eine passende Behandlung kann dieses zusätzliche Risiko möglicherweise reduziert werden.
Bedeutung für die zukünftige Brustkrebsversorgung
Die Ergebnisse der Studie könnten langfristig wichtige Auswirkungen darauf haben, wie Brustkrebs bei jüngeren Frauen nach einer Schwangerschaft bewertet und behandelt wird. Die Forscher betonen jedoch, dass die bisherigen Erkenntnisse zunächst durch weitere Untersuchungen bestätigt werden müssen, bevor sie zu Veränderungen in der medizinischen Praxis führen können. Dafür sind größere Studien mit Patientinnen aus verschiedenen Kliniken, unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und längeren Nachbeobachtungszeiträumen notwendig.
Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnte der Zeitraum seit der letzten Geburt künftig stärker in die Beurteilung einer Brustkrebserkrankung einbezogen werden. Bisher konzentriert sich die medizinische Bewertung vor allem auf Eigenschaften des Tumors selbst, beispielsweise seine Größe, seine genetischen Merkmale, den Hormonstatus oder den Befall von Lymphknoten. Die neue Forschung deutet jedoch darauf hin, dass auch die biologische Situation des Körpers zum Zeitpunkt der Diagnose eine wichtige Rolle spielen könnte. Besonders die ersten ein bis drei Jahre nach einer Entbindung könnten dabei ein entscheidendes Zeitfenster darstellen. In dieser Phase durchläuft das Brustgewebe noch umfangreiche Veränderungen, während sich die hormonelle Umgebung und die Gewebestruktur nach der Schwangerschaft neu einpendeln. Die Forscher vermuten, dass diese besonderen Bedingungen bei einigen Frauen die Entwicklung oder das Verhalten bestimmter Tumoren beeinflussen könnten.
Ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge könnte dazu beitragen, Risikopatientinnen frühzeitiger zu erkennen und die Nachsorge gezielter zu gestalten. Denkbar wäre beispielsweise, dass Frauen mit einer Brustkrebsdiagnose kurz nach einer Geburt intensiver überwacht werden oder dass zusätzliche Informationen aus Genomtests stärker in Therapieentscheidungen einfließen. Darüber hinaus könnte die Forschung helfen, besser zu verstehen, warum manche Brusttumoren nach einer Schwangerschaft aggressivere Eigenschaften entwickeln, während andere Tumoren ein weniger auffälliges Verhalten zeigen. Die Identifizierung der zugrunde liegenden biologischen Mechanismen könnte neue Ansatzpunkte für zukünftige Therapien liefern.
Die langfristige Perspektive besteht darin, die Behandlung von Brustkrebs noch stärker zu personalisieren. Statt alle Patientinnen mit ähnlichen Tumoren nach demselben Schema zu behandeln, könnten künftig zusätzliche Faktoren wie Alter, genetische Tumoreigenschaften und die Zeit seit einer Schwangerschaft kombiniert werden, um die individuell beste Strategie für jede Patientin zu entwickeln.
