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Wenn Essen das Gehirn prägt: Wie stark verarbeitete Lebensmittel das Essverhalten von Kindern beeinflussen könnten

Wenn Essen das Gehirn prägt: Wie stark verarbeitete Lebensmittel das Essverhalten von Kindern beeinflussen könnten 3

Kekse, Chips, süße Frühstücksflocken oder Pommes gehören für viele Kinder zum Alltag. Doch stark verarbeitete Lebensmittel könnten nicht nur die Ernährungsgewohnheiten beeinflussen, sondern auch damit zusammenhängen, wie das kindliche Gehirn auf Essensreize reagiert. Eine neue Studie zeigt, dass Kinder, die besonders viele solcher Produkte konsumieren, eine stärkere Aktivität im Belohnungssystem des Gehirns aufweisen. Diese Reaktionen standen wiederum mit einer stärkeren Zunahme von Körperfett im darauffolgenden Jahr in Verbindung.

Das Belohnungssystem reagiert besonders stark auf verlockende Lebensmittel

Die Ernährung in der Kindheit ist ein wichtiges Thema für Eltern. Gerade in den ersten Lebensjahren entwickeln Kinder Vorlieben für bestimmte Geschmacksrichtungen, lernen unterschiedliche Lebensmittel kennen und gewöhnen sich an bestimmte Essgewohnheiten. Was regelmäßig auf dem Speiseplan steht, kann deshalb auch langfristig beeinflussen, welche Lebensmittel bevorzugt werden. Besonders stark verarbeitete Lebensmittel sind dabei zunehmend in den Mittelpunkt der Forschung gerückt. Sie sind praktisch, häufig günstig und überall erhältlich. Viele Produkte sind außerdem so zusammengesetzt, dass sie besonders appetitlich wirken und zum wiederholten Essen verleiten können.

Wenn Essen das Gehirn prägt: Wie stark verarbeitete Lebensmittel das Essverhalten von Kindern beeinflussen könnten 1Doch welche Rolle spielt dabei das Gehirn? Eine neue Untersuchung der Keck School of Medicine an der University of Southern California (USC) liefert dazu interessante Hinweise. Für die Untersuchung begleiteten die Wissenschaftler 46 Kinder im Alter zwischen sieben und zehn Jahren. Zu Beginn der Studie hatten alle ein gesundes Körpergewicht. Die Forscher wollten herausfinden, ob sich Unterschiede in der Ernährung bereits in der Aktivität bestimmter Gehirnregionen widerspiegeln und ob diese mit späteren Veränderungen der Körperzusammensetzung zusammenhängen. Dafür untersuchten sie die Kinder mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT). Während der Gehirnaufnahmen bekamen die Teilnehmer Bilder von besonders appetitlichen Lebensmitteln zu sehen, darunter Kekse und Pommes frites. Gleichzeitig erfassten die Wissenschaftler die Ernährungsgewohnheiten sowie verschiedene körperliche Messwerte.

Dabei zeigte sich ein auffälliges Muster: Kinder, die mehr  stark verarbeitete Lebensmittel konsumierten, reagierten beim Betrachten der Essensbilder mit einer stärkeren Aktivität im sogenannten dorsalen Striatum. Diese Gehirnregion gehört zum Belohnungs- und Motivationssystem. Sie spielt eine wichtige Rolle dabei, wie wir auf angenehme Reize reagieren und welche Verhaltensweisen wir wiederholen möchten. Die stärkere Aktivität könnte darauf hindeuten, dass bestimmte Lebensmittel bei diesen Kindern eine besonders ausgeprägte Belohnungsreaktion auslösen.

Zusammenhang mit einer stärkeren Zunahme von Körperfett

Interessant wurde die Untersuchung bei der Nachbeobachtung. Ein Jahr nach den ersten Messungen überprüften die Forscher erneut den BMI, den Körperfettanteil und den Taillenumfang der Kinder. Dabei zeigte sich, dass diejenigen mit einer stärkeren Reaktion des Belohnungssystems auf die Essensbilder im folgenden Jahr tendenziell auch stärker an Körperfett und BMI zunahmen.

Die Wissenschaftler untersuchten anschließend, welchen Anteil die Gehirnaktivität an diesem Zusammenhang haben könnte. Als sie die Reaktionen des dorsalen Striatums in ihre statistischen Berechnungen einbezogen, wurde der Zusammenhang zwischen dem Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel und dem BMI um 31 Prozent schwächer. Beim Körperfettanteil verringerte sich der Zusammenhang um 44 Prozent. Das deutet darauf hin, dass die Reaktion des Gehirns auf Essensreize einen Teil der Verbindung zwischen Ernährung und späteren Veränderungen der Körperzusammensetzung erklären könnte. Allerdings beweist die Untersuchung nicht, dass stark verarbeitete Lebensmittel das Belohnungssystem direkt verändern oder zwangsläufig zu einer Gewichtszunahme führen. Dafür sind weitere Studien notwendig.

Was macht stark verarbeitete Lebensmittel so besonders?

Nicht jedes industriell hergestellte Lebensmittel ist automatisch ungünstig. Entscheidend ist vielmehr, wie stark ein Produkt verarbeitet wurde und welche Zutaten bei seiner Herstellung verwendet werden. Stark verarbeitete Lebensmittel, häufig auch als Ultra-Processed Foods (UPF) bezeichnet, enthalten oft eine Kombination aus raffinierten Kohlenhydraten, Fetten, Zucker, Salz und verschiedenen Zusatzstoffen. Dazu gehören beispielsweise viele süße Frühstücksprodukte, abgepackte Snacks, Fertiggerichte, Instant-Suppen, Softdrinks und bestimmte industriell hergestellte Backwaren. Solche Produkte sind häufig besonders intensiv im Geschmack und lassen sich schnell und unkompliziert verzehren. Ihre Zusammensetzung bietet oft eine Kombination aus süß, salzig, fettig oder knusprig, die besonders appetitlich wirken kann. Dadurch besteht die Gefahr, mehr davon zu essen, als ursprünglich geplant war.

Wenn Essen das Gehirn prägt: Wie stark verarbeitete Lebensmittel das Essverhalten von Kindern beeinflussen könntenAuch die Konsistenz spielt eine Rolle. Viele stark verarbeitete Produkte sind weich, leicht zu kauen und schnell zu schlucken. Sie werden deshalb häufig schneller gegessen als beispielsweise Gemüse oder Vollkornprodukte. Das Sättigungsgefühl kann dadurch möglicherweise später einsetzen. Gleichzeitig enthalten solche Lebensmittel nicht selten vergleichsweise wenig Ballaststoffe, Vitamine und andere wertvolle Nährstoffe. Werden sie regelmäßig durch frische und weniger stark verarbeitete Produkte ersetzt, kann darunter die Qualität der gesamten Ernährung leiden.

In den USA stammen laut den in der Studie angeführten Ernährungsdaten rund 67 Prozent der von Kindern aufgenommenen Kalorien aus hochverarbeiteten Lebensmitteln. Auch in anderen Industrieländern spielen solche Produkte eine zunehmend große Rolle. Gerade für Kinder kann das problematisch werden, wenn Fertigprodukte, süße Getränke und stark verarbeitete Snacks regelmäßig frische und abwechslungsreiche Mahlzeiten verdrängen. Dabei geht es nicht darum, einzelne Lebensmittel grundsätzlich zu verbieten. Ein gelegentlicher Keks oder eine Portion Pommes sind kein Grund zur Sorge. Entscheidend ist vielmehr das Gesamtbild der Ernährung. Wenn Kinder regelmäßig unterschiedliche Lebensmittel kennenlernen und frische, wenig verarbeitete Produkte selbstverständlich zum Alltag gehören, kann das eine gute Grundlage für langfristig ausgewogene Essgewohnheiten schaffen.

Warum die Kindheit für das spätere Essverhalten so wichtig ist

Das Gehirn entwickelt sich während der Kindheit und Jugend kontinuierlich weiter. Gleichzeitig entstehen Gewohnheiten, die den Umgang mit Lebensmitteln und das Essverhalten langfristig beeinflussen können. Kinder lernen durch Erfahrungen, welche Lebensmittel sie mögen, wann sie essen und welche Rolle Essen im Alltag spielt. Dabei wirken nicht nur Geschmack und Hunger, sondern auch Gewohnheiten, Emotionen und die Umgebung eine Rolle.

Das Belohnungssystem ist an diesen Lernprozessen beteiligt. Wenn bestimmte Lebensmittel wiederholt mit angenehmen Geschmackserlebnissen verbunden werden, können entsprechende Reaktionen im Gehirn entstehen. Die Forscher der USC betonen deshalb, dass die Kindheit eine besonders wichtige Phase ist, um Ernährungsgewohnheiten zu entwickeln. Frühzeitige Veränderungen könnten möglicherweise helfen, ungünstige Ernährungsmuster gar nicht erst zu verfestigen. Die aktuelle Untersuchung liefert dafür einen interessanten Ansatzpunkt: Sie zeigt, dass die Reaktion des Gehirns auf Essensreize möglicherweise eine größere Rolle bei der Entwicklung des Essverhaltens spielt, als bisher angenommen.

Welche Bedeutung hat das Thema für Schwangerschaft und frühe Kindheit?

Auch für werdende Eltern ist eine ausgewogene Ernährung ein wichtiges Thema. Während der Schwangerschaft werden die Grundlagen für das Wachstum und die Entwicklung des Kindes gelegt. Eine abwechslungsreiche Ernährung der Mutter versorgt sie und das ungeborene Kind mit wichtigen Nährstoffen. Nach der Geburt setzt sich die Bedeutung der Ernährung fort. Stillen beziehungsweise Säuglingsmilchnahrung, die anschließende Beikost und später die gemeinsame Familienernährung sind wichtige Stationen in der Entwicklung des kindlichen Essverhaltens.

Wenn Essen das Gehirn prägt: Wie stark verarbeitete Lebensmittel das Essverhalten von Kindern beeinflussen könnten 2

Besonders die Einführung der Beikost bietet Kindern die Möglichkeit, unterschiedliche Geschmacksrichtungen und Lebensmittel kennenzulernen. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und andere wenig verarbeitete Lebensmittel können dabei schrittweise in den Speiseplan integriert werden. Die neue Studie untersuchte allerdings weder die Ernährung während der Schwangerschaft noch die Auswirkungen bestimmter Lebensmittel auf das Gehirn ungeborener Kinder. Sie liefert deshalb keinen direkten Nachweis dafür, dass der Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel in der Schwangerschaft die späteren Reaktionen des Belohnungssystems beeinflusst. Dennoch unterstreicht die Forschung, wie wichtig eine bewusste Ernährungsumgebung von Anfang an sein kann. Eltern prägen durch ihre eigenen Essgewohnheiten und das Angebot zu Hause auch die Ernährung ihrer Kinder.

Gesunde Ernährung muss im Familienalltag möglich sein

Die Forscher weisen darauf hin, dass die Verantwortung für eine gesunde Kinderernährung nicht allein bei den Eltern liegen kann. Stark verarbeitete Lebensmittel sind häufig preiswert, lange haltbar und schnell verfügbar. Gerade Familien mit wenig Zeit oder begrenztem Budget greifen deshalb verständlicherweise öfter auf solche Produkte zurück. Eine Verbesserung der Kinderernährung erfordert daher auch bessere Rahmenbedingungen. Dazu gehören ein leichterer Zugang zu frischen Lebensmitteln, ausgewogene Mahlzeiten in Kindergärten und Schulen sowie eine Ernährungsumgebung, die gesündere Entscheidungen erleichtert.

Für Familien muss eine ausgewogene Ernährung außerdem nicht kompliziert sein. Oft reichen bereits kleine Veränderungen: häufiger selbst zubereitete Mahlzeiten, Obst und Gemüse als regelmäßige Bestandteile des Speiseplans und weniger stark verarbeitete Snacks. Wichtig ist dabei auch, Kindern unterschiedliche Lebensmittel ohne Druck anzubieten. Neue Geschmacksrichtungen dürfen zunächst ungewohnt sein. Wiederholtes Probieren und gemeinsame Mahlzeiten können helfen, eine größere Vielfalt in den Speiseplan zu bringen.

Weitere Forschung soll zeigen, wie sich das Essverhalten beeinflussen lässt

Die Wissenschaftler möchten ihre Untersuchungen fortsetzen und die Kinder über die Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter begleiten. Dabei wollen sie beobachten, wie sich Gehirnentwicklung, Ernährungsgewohnheiten und Körperzusammensetzung im Laufe der Zeit verändern. In einer weiteren Untersuchung soll außerdem geprüft werden, ob eine Ernährungsumstellung mit weniger stark verarbeiteten Produkten die Reaktion des Gehirns auf Essensreize verändern kann.

Dazu könnten Kinder, die regelmäßig viele solcher Lebensmittel konsumieren, verstärkt Alternativen erhalten, die weniger verarbeitet sind. Anschließend ließe sich untersuchen, ob sich dadurch die Aktivität des Belohnungssystems und die Entwicklung der Körperzusammensetzung verändern. Bis solche Ergebnisse vorliegen, bleibt offen, in welchem Ausmaß die beobachteten Gehirnreaktionen tatsächlich durch die Ernährung beeinflusst werden.

Die aktuelle Studie macht jedoch deutlich, dass Kinderernährung mehr umfasst als die Frage nach Kalorien und Körpergewicht. Auch die Verarbeitung von Lebensmitteln und die Reaktion des Gehirns auf Essensreize könnten eine Rolle spielen. Für Eltern ist das ein weiterer Grund, frühzeitig auf eine abwechslungsreiche Ernährung zu achten und Kindern einen möglichst vielfältigen Zugang zu natürlichen Lebensmitteln zu ermöglichen.

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