Väter in Schweden erhalten während der Schwangerschaft ihrer Partnerin und in den Monaten unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes seltener eine psychiatrische Diagnose. Dieses Muster kehrt sich jedoch im Laufe der Zeit um. Eine neue Studie, die in JAMA Network Open veröffentlicht wurde, berichtet, dass Diagnosen von Depressionen und stressbedingten Erkrankungen etwa ein Jahr nach der Geburt zunehmen. Die Forschung wurde von Wissenschaftlern des Karolinska-Instituts in Schweden und der Sichuan-Universität in China geleitet.
Depressions- und Stressdiagnosen nehmen nach einem Jahr zu
„Der Übergang zur Vaterschaft bringt oft sowohl positive Erfahrungen als auch eine Reihe neuer Belastungen mit sich“, erklärte Jing Zhou, Doktorand am Institut für Umweltmedizin des Karolinska-Instituts und Co-Erstautor der Studie. „Viele schätzen die intimen Momente mit ihrem Kind, während gleichzeitig die Beziehung zu ihrer Partnerin beeinträchtigt werden und sich die Schlafqualität verschlechtern kann, was zu einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen beitragen kann.“ Die Forscher analysierten Daten von mehr als einer Million Vätern, deren Kinder zwischen 2003 und 2021 in Schweden geboren wurden. Anhand verknüpfter nationaler Register verfolgten sie, wann bei den Männern neue psychiatrische Diagnosen gestellt wurden, beginnend ein Jahr vor der Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr des Kindes.

Die Ergebnisse zeigen, dass psychiatrische Diagnosen während der Schwangerschaft und in den ersten Monaten nach der Geburt im Vergleich zum Jahr vor der Schwangerschaft seltener wurden. Ein Jahr nach der Geburt hatten sich Diagnosen im Zusammenhang mit Angstzuständen und Substanzkonsum wieder auf das vor der Schwangerschaft beobachtete Niveau eingependelt. Im Gegensatz dazu war bei Depressionen und stressbedingten Störungen ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Diese Diagnosen stiegen im Vergleich zu den Raten vor der Schwangerschaft um mehr als 30 Prozent. „Der verzögerte Anstieg der Depressionen war unerwartet und unterstreicht die Notwendigkeit, auf Warnzeichen für psychische Erkrankungen bei Vätern auch lange nach der Geburt ihres Kindes zu achten“, sagt Donghao Lu, Dozent und außerordentlicher Professor am Institut für Umweltmedizin des Karolinska-Instituts und korrespondierender Autor der Studie.
Warum Väter Depressionen entwickeln können
Dass psychische Probleme bei Vätern oft erst Monate nach der Geburt zunehmen, hat mehrere Gründe. Direkt nach der Geburt stehen viele Männer noch unter einer Art „Ausnahmezustand“: Die Freude über das Kind, gesellschaftliche Erwartungen und die akute Organisation des Alltags können zunächst stabilisierend wirken. Mit der Zeit lassen diese Effekte nach, während die dauerhaften Belastungen stärker spürbar werden. Dazu gehören vor allem chronischer Schlafmangel, steigender Druck durch Verantwortung, mögliche finanzielle Sorgen und Veränderungen in der Partnerschaft. Auch die Aufmerksamkeit richtet sich häufig stark auf Mutter und Kind, sodass Väter ihre eigenen Belastungen eher zurückstellen oder weniger Unterstützung erhalten. Diese Faktoren können sich allmählich aufsummieren und schließlich zu Erkrankungen wie Depression oder stressbedingten Störungen führen.
Bei Vätern äußern sich solche Probleme oft etwas anders als klassisch erwartet. Neben typischen Anzeichen wie gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit oder innerer Leere zeigen viele Männer eher indirekte Symptome. Dazu zählen erhöhte Reizbarkeit, Wut oder Rückzug aus dem Familienleben. Manche stürzen sich übermäßig in die Arbeit oder entwickeln ungesunde Bewältigungsstrategien, etwa vermehrten Alkohol- oder Substanzkonsum. Auch körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder diffuse Schmerzen können auftreten. Häufig fällt es Vätern schwer, über ihre Gefühle zu sprechen, was dazu führen kann, dass die Probleme lange unbemerkt bleiben oder sich verstärken.
Zeitlich abgestimmte Unterstützung für die psychische Gesundheit von Vätern
Die Forscher weisen darauf hin, dass ihre Ergebnisse auf klinischen Diagnosen basieren, was bedeutet, dass Männer, die keine medizinische Hilfe in Anspruch genommen haben, möglicherweise nicht erfasst wurden. Dennoch zeigt die Studie auf, wann Väter in der frühen Elternschaft besonders gefährdet sein können. „Durch die Identifizierung von Phasen erhöhter Gefährdung können Gesundheitsdienstleister und andere Akteure leichter Unterstützung anbieten“, sagte Jing Zhou. „Postnatale Depressionen werden oft im Zusammenhang mit jungen Müttern diskutiert, aber das Wohlbefinden der Väter ist ebenfalls wichtig, sowohl für sie selbst als auch für die ganze Familie.“
Für Väter bedeutet das vor allem, dass Hilfe nicht nur direkt nach der Geburt, sondern auch Monate später aktiv angeboten werden sollte. Dazu gehören niederschwellige Beratungsangebote, etwa Gespräche beim Hausarzt oder in Familienberatungsstellen, aber auch speziell auf Väter zugeschnittene Programme wie Austauschgruppen oder Online-Angebote. Wichtig ist zudem, dass Väter stärker in die Nachsorge einbezogen werden, zum Beispiel durch gezielte Fragen nach ihrem Wohlbefinden bei Routineuntersuchungen des Kindes. Auch praktische Entlastung im Alltag – etwa durch flexible Arbeitszeiten, Elternzeitmodelle oder Unterstützung im Haushalt – kann helfen, Stress zu reduzieren. Ergänzend können Aufklärung und Sensibilisierung dazu beitragen, dass psychische Belastungen wie Depression früh erkannt und ernst genommen werden, sodass betroffene Väter schneller passende Hilfe erhalten.
Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit der Sichuan-Universität in China und der Universität Uppsala in Schweden durchgeführt. Sie wurde vom strategischen Forschungsbereich für Epidemiologie und Biostatistik des Karolinska Institutet, dem Schwedischen Forschungsrat und dem Europäischen Forschungsrat finanziert. Die Forscher geben keine Interessenkonflikte an.
