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Wie das Alter der Mutter die nächste Generation beeinflussen kann – ohne die DNA zu verändern

Wie das Alter der Mutter die nächste Generation beeinflussen kann – ohne die DNA zu verändern

Wissenschaftler haben Hinweise darauf gefunden, dass die Auswirkungen des Alters einer Mutter auf ihre Nachkommen möglicherweise eher auf reversible Veränderungen der Genaktivität als auf dauerhafte DNA-Schäden zurückzuführen sind. Diese Entdeckung eröffnet die faszinierende Möglichkeit, dass biologische Informationen von Müttern, Großmüttern und sogar Urgroßmüttern die Gesundheit künftiger Generationen beeinflussen können.

Rädertierchen liefern Hinweise auf die Auswirkungen des mütterlichen Alters

Das Alter einer Mutter kann die körperlichen Merkmale und das Verhalten ihrer Nachkommen beim Menschen und bei vielen anderen Tierarten beeinflussen. Forscher bezeichnen diese Veränderungen als „mütterliche Alterseffekte“. Obwohl dieses Phänomen im gesamten Tierreich weit verbreitet ist, versuchen Wissenschaftler nach wie vor, die ihm zugrunde liegenden biologischen Prozesse zu verstehen und zu klären, warum es sich im Laufe der Evolutionsgeschichte erhalten hat. „Mütterliche Alterseffekte sind unglaublich weit verbreitet, von Wirbellosen bis hin zu Menschen, Elefanten, anderen Primaten und anderen Säugetieren“, sagte Kristin Gribble, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bay Paul Center des Marine Biological Laboratory. „Nahezu alle Lebensformen weisen in gewissem Maße mütterliche Alterseffekte auf, und bei den meisten handelt es sich um negative Auswirkungen, die durch ein fortgeschrittenes Alter der Mutter verursacht werden.“

Wie das Alter der Mutter die nächste Generation beeinflussen kann – ohne die DNA zu verändern 1Um zu untersuchen, wie Informationen über das mütterliche Alter an die Nachkommen weitergegeben werden, untersuchte Gribbles Labor Rädertierchen – winzige Wassertiere, die sich schnell vermehren und sich gut für Laborexperimente eignen. „Das Verständnis des Mechanismus bei diesen einfachen Wirbellosen kann uns helfen zu verstehen, wie die Auswirkungen des mütterlichen Alters auch beim Menschen zustande kommen“, sagte sie.

Die Forschung an Rädertierchen hat das Team zu einer unerwarteten Möglichkeit geführt. Die Auswirkungen des mütterlichen Alters könnten durch epigenetische Prozesse gesteuert werden, die die Nutzung der Gene verändern, und nicht durch Mutationen, die die zugrunde liegende DNA-Sequenz verändern. Im Rahmen der Arbeit der Postdoktorandin Alyssa Liguori – die mittlerweile als Assistenzprofessorin an der SUNY-New Paltz tätig ist – in Gribbles Labor wurden zwei verschiedene Genotypen derselben Rädertierchenart untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass die mit dem mütterlichen Alter verbundenen Effekte nicht mit jeder Generation zunehmend stärker wurden. Stattdessen konnten diese Effekte innerhalb einer einzigen Generation rückgängig gemacht werden.

Diese rasche Umkehr spricht gegen die Vorstellung, dass mütterliche Alterseffekte in erster Linie durch die allmähliche Anhäufung von Zellschäden oder altersbedingten DNA-Mutationen verursacht werden, wie viele Forscher zuvor vermutet hatten. Die Ergebnisse deuten stattdessen auf einen epigenetischen Prozess hin, an dem Histonmodifikationen beteiligt sind. Diese Modifikationen können beeinflussen, ob Gene ein- oder ausgeschaltet werden.

Wie Mütter biologische Informationen weitergeben könnten

Gribbles Team untersucht nun, ob Histonmodifikationen für die bei den Rädertierchen beobachteten Auswirkungen des mütterlichen Alters verantwortlich sind. Sie erwägt zudem, ob mitochondriale DNA, die in der Regel von der Mutter vererbt wird, eine Rolle „bei der Weitergabe von Informationen über das mütterliche Alter von Müttern an die Nachkommen“ spielen könnte.Genetische Unterschiede könnten zudem bestimmen, wie stark Nachkommen von einer älteren Mutter beeinflusst werden. „Es gibt wahrscheinlich Genvarianten, die vor den negativen Auswirkungen eines fortgeschrittenen mütterlichen Alters schützen“, sagte Gribble. „Bei einem unserer Stämme haben wir festgestellt, dass Nachkommen älterer Mütter eine längere Lebensdauer hatten, was darauf hindeutet, dass an diesem positiven Effekt möglicherweise ein genetischer Mechanismus beteiligt ist.“ Diese Erkenntnis verdeutlicht eine wichtige Komplikation. Obwohl ein fortgeschrittenes Alter der Mutter oft mit nachteiligen Folgen in Verbindung gebracht wird, können genetische Variationen diese Auswirkungen manchmal abschwächen oder sogar Vorteile mit sich bringen.

Warum die Auswirkungen des mütterlichen Alters fortbestehen

Ein großes evolutionäres Rätsel ist, warum die Auswirkungen des mütterlichen Alters trotz ihrer teilweise negativen Folgen bei so vielen verschiedenen Tierarten erhalten geblieben sind. Wenn ältere Mütter beispielsweise Nachkommen hervorbringen, die kürzer leben oder eine geringere Fortpflanzungsfähigkeit besitzen, könnte man erwarten, dass die natürliche Selektion solche Nachteile im Laufe vieler Generationen abschwächt. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass die natürliche Selektion im späteren Leben eines Organismus schwächer wirkt. Eigenschaften, die erst im hohen Alter auftreten, stehen daher oft unter einem geringeren Selektionsdruck als solche, die bereits während der frühen Entwicklung oder Fortpflanzungsphase wichtig sind.

Bei Rädertierchen könnte dieser Zusammenhang besonders deutlich sein. Sie haben einen schnellen Lebenszyklus und produzieren einen großen Teil ihres Nachwuchses bereits in jungen Jahren. Wenn ein Weibchen ein fortgeschrittenes Alter erreicht, hat es möglicherweise schon einen großen Teil seines evolutionären Beitrags geleistet. Negative Veränderungen, die erst danach auftreten und die Qualität der Nachkommen beeinflussen, können deshalb weniger stark durch die natürliche Selektion beseitigt werden.

Hinzu kommt, dass mütterliche Alterseffekte wahrscheinlich durch mehrere biologische Prozesse gleichzeitig entstehen können. Alter kann unter anderem Stoffwechsel, Zellfunktionen, mitochondriale Aktivität und die Regulation von Genen beeinflussen. Außerdem reagieren unterschiedliche genetische Varianten möglicherweise unterschiedlich auf das Alter der Mutter. Manche Nachkommen könnten dadurch stärker betroffen sein, während andere besser geschützt sind oder sogar Vorteile zeigen.

Damit wird deutlich, dass ein biologisches Merkmal nicht unbedingt optimal sein muss, um über viele Generationen erhalten zu bleiben. Wenn seine Nachteile erst spät im Leben auftreten oder nur einen geringen Einfluss auf die Fortpflanzung haben, kann der Selektionsdruck zu schwach sein, um es vollständig zu beseitigen. Genau deshalb sind mütterliche Alterseffekte für die Evolutionsforschung so interessant: Sie zeigen, dass die Eigenschaften einer neuen Generation nicht nur vom eigenen Genom, sondern möglicherweise auch vom Zustand der Mutter zum Zeitpunkt der Fortpflanzung beeinflusst werden.

Biologische Effekte über Generationen hinweg

Für Gribble ist eine der spannendsten Fragen, wie biologische Informationen über eine einzelne Generation hinaus weitergegeben werden können. Besonders interessant ist dabei die Möglichkeit, dass nicht nur die unmittelbaren Lebensbedingungen einer Mutter, sondern auch die Erfahrungen früherer Generationen die Eigenschaften ihrer Nachkommen beeinflussen könnten. So stellt sich die Frage, ob die Umwelt einer Großmutter oder sogar einer Urgroßmutter noch messbare Auswirkungen auf den Phänotyp ihrer Enkel- oder Urenkelkinder haben kann.

Wie das Alter der Mutter die nächste Generation beeinflussen kann – ohne die DNA zu verändern 2Eine mögliche Erklärung dafür könnten epigenetische Veränderungen sein. Dabei wird nicht die DNA-Sequenz selbst verändert, sondern die Aktivität bestimmter Gene beeinflusst. Einige dieser Veränderungen können unter bestimmten Bedingungen über die Fortpflanzung hinweg erhalten bleiben. Auch die mitochondriale DNA, die überwiegend von der Mutter vererbt wird, könnte bei der Weitergabe bestimmter biologischer Informationen eine Rolle spielen. Allerdings ist noch nicht vollständig geklärt, welche Mechanismen tatsächlich dafür verantwortlich sind und wie lange solche Veränderungen bestehen bleiben können.

Das Verständnis dieser Prozesse könnte langfristig auch für die Erforschung der menschlichen Gesundheit von Bedeutung sein. Wenn sich herausstellt, dass bestimmte Umweltbedingungen oder biologische Veränderungen über mehrere Generationen hinweg Auswirkungen haben, könnte dies helfen, Unterschiede bei Gesundheit, Alterung oder Krankheitsrisiken besser zu verstehen. Möglicherweise müssten Wissenschaftler dann nicht nur die Gene eines Menschen betrachten, sondern auch die biologischen Bedingungen, unter denen frühere Generationen gelebt haben.

Dabei ist jedoch Vorsicht geboten: Die bisherigen Erkenntnisse aus Rädertierchen lassen sich nicht direkt auf den Menschen übertragen. Es ist noch offen, ob vergleichbare Mechanismen beim Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Die Forschung eröffnet daher vor allem eine neue Perspektive auf Vererbung: Die biologische Geschichte eines Menschen könnte möglicherweise mehr umfassen als die DNA, die er von seinen Eltern erhält. Auch die Umwelt und der biologische Zustand früherer Generationen könnten unter bestimmten Umständen Einfluss auf die nächste Generation nehmen.

Was bedeutet das für werdende Mütter?

Für werdende Mütter bedeutet diese Forschung zunächst nicht, dass sie sich Sorgen machen oder ihr Verhalten für die Gesundheit mehrerer Generationen kontrollieren müssen. Die Ergebnisse stammen aus Untersuchungen an Rädertierchen und lassen sich derzeit nicht direkt auf den Menschen übertragen. Sie zeigen aber, wie komplex die Verbindung zwischen mütterlicher Gesundheit, Alter und der Entwicklung von Nachkommen sein kann. Für die Schwangerschaft bleibt deshalb vor allem wichtig, auf die gut belegten Faktoren zu achten: eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung, den Verzicht auf Alkohol und Nikotin sowie eine gute medizinische Betreuung. Die Forschung zu mütterlichen Alterseffekten liefert darüber hinaus einen spannenden Ausblick darauf, dass die Gesundheit von Mutter und Kind möglicherweise durch biologische Prozesse miteinander verbunden ist, die weit über die Schwangerschaft hinausreichen.

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